Psychologie: Warum Menschen neidisch sind
Gibt es bestimmte Persönlichkeiten, die für Neid anfälliger sind als andere?
© Guido Sieber
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Bildunterschrift: Gleich und gleich vergleicht sich oft: Mit "Zähigkeit" bleibe, so Siegmund Freud, Geschwisterneid an der Psyche haften
Vordergründig neidet man anderen das höhere Gehalt, das exklusivere
Auto, die größere Wohnung. In Wahrheit sind es innere Werte, die
persönlich unzufrieden machen. Neider gehen davon aus, dass Leute mit
anderen Jobs, schickeren Autos und größeren Wohnungen auch zufriedener
leben müssten als man selbst. Doch wenn jemand täglich 14 Stunden im
Büro arbeitet, um Karriere zu machen, haben Freunde und Familie häufig
das Nachsehen. Und wer ein hohes Darlehen aufnimmt, um sich einen
repräsentativen Wohnsitz leisten zu können, muss seinen Konsum an
anderer Stelle einschränken.
Diese negativen Konsequenzen blenden Neider aus. Sie nehmen im
materiellen Besitz des anderen nur wahr, was sie selbst entbehren.
Wer ist neid-gefährdet?
Neid kann die Folge falscher Erziehung sein. Eltern, die ein
Geschwisterteil dem anderen dauernd vorziehen, stiften Ungerechtigkeit.
Wird ein Kind über Jahre hinweg benachteiligt, kann es dies unter
Umständen als persönlichen Makel verinnerlichen. Ein solchermaßen
behandeltes Kind kultiviert das Gefühl, ungenügend und weniger wert zu
sein als andere. Als Erwachsenem wird es diesem Kind an der Fähigkeit
mangeln, Ungerechtigkeit auch gelassen hinzunehmen, also nicht aus der
Haut zu fahren oder sich persönlich verletzt zu fühlen, wenn einem ein
anderer Autofahrer die Parklücke wegschnappt.
Es liegt auf der Hand, dass frühkindlich benachteiligte Menschen ihr
Leben lang für Neidgefühle empfänglich sind. Im schlimmsten Fall sorgt
das unterentwickelte Selbstbewussstein für Ohnmachtsgefühle, Depression
und Angst - was das Drogen-Risiko schürt und die Anfälligkeit für
psychosomatische Krankheiten.
Gibt es "ideale" Neid-Persönlichkeiten?
Der Psychologe Rolf Haubl, Autor einer Studie über Neid, glaubt
nicht an einen "typischen" Neider: "Wenn jemand im Laufe seines Lebens
eine gewisse Neidbreitschaft entwickelt, dann sehe ich darin das
Ergebnis von Erfahrungen, die dieser Mensch gemacht hat. Aus meiner
analytischen Arbeit weiß ich, dass neidbereite Menschen oftmals
Menschen sind, die ein 'falsches Selbst' entwickelt haben. Sie sind in
Situationen groß geworden, in denen sie Leistungsansprüche von außen
übernommen haben, ohne Gelegenheit bekommen zu haben, herauszufinden,
was ihnen wirklich Spaß macht und welche Neigungen sie haben. Diese
Menschen erleben: Nur wenn ich den Ansprüchen der anderen perfekt
genüge, dann werde ich von ihnen anerkannt. Solche Leute verleugnen
permanent ihr eigenes Selbst und rennen hinter Anerkennungsbedingungen
her. Wer so eine Lebensgeschichte hat, der hat eine hohe
Wahrscheinlichkeit, eine große Neidbereitschaft zu entwickeln." (zit.
nach "Psychologie heute", Mai 2002)